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Welche zentralen Herausforderungen bringt die Digitalisierung der Pharma-Distribution mit sich?

Antworten aus vier Blickwinkeln und zwei Ländersperspektiven

 

Die Digitalisierung in der Pharma-Distribution an die Apotheken ist bereits zu 100% vollzogen. Allerdings wird es in Gegenwart und Zukunft immer noch mehr Möglichkeiten, Chancen, Risiken und Bedürfnisse geben.Brunu RüeggApotheker, APODRO Apotheken Drogerien (CH)

Die großen Herausforderungen werden einerseits technischer Natur sein, allerdings aber sicher auch die Menschen betreffen, die mit der Digitalisierung arbeiten und die vielen Möglichkeiten täglich nutzen und aktiv einsetzen. Es sind beinahe unglaubliche Rationalisierungen zu erwarten, und was bisher den großen Pharma-Logistikern vorbehalten war, wird in jeder Apotheke und Drogerie möglich werden. Automatisierte Prozesse, kürzeste Wege, künstliche Intelligenz, permanente Optimierungen werden zum Standard und die wenigen Menschen, die mit optimalen Infrastruktur-Lösungen arbeiten werden, sind stark gefordert und eingebunden.

Die Digitalisierung wird Wege öffnen, die bisher noch gar nicht nachgefragt wurden.
Neue Bedürfnisse betreffend Verfügbarkeit, Therapietreue, Bestellprozesse, optimale Einnahme werden mittels digitaler Unterstützung zum Standard jeder Arzneimitteltherapie werden.

Die Verfügbarkeit von Arzneimitteln an jedem Ort ist gewährleistet. Die Verrechnung, Abrechnung mit Sozialversicherungen, das Controlling und die Kontrolle der Arzneimitteltherapie wird jederzeit unbemerkt durch digitale Gadgets gelöst. Die Digitalisierung wird zu unserem normalen Alltag und immer weniger thematisiert werden. Die Menschen werden irgendwann nicht mehr die wichtigsten Faktoren in der Pharma-Distribution sein."

Aus meiner Sicht stehen die Akteure in der Pharma-Lieferkette vor mindestens drei großen Herausforderungen – das heißt, für manche sind es Herausforderungen, für andere dagegen bedeutende Chancen.Henrik KaastrupManaging Director, Nomeco A/S, Kopenhagen (DK)

Doch wie auch immer: Das erste Thema, das ich nennen möchte, ist die „Datensicherheit“. Daten sind heute zweifellos das wichtigste Kapital, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Und da sowohl die Menge der Daten als auch die Detailtiefe rapide zunehmen, werden wir auch immer besser in der Lage sein, Daten durch maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz auf völlig neue Weise zu nutzen. Deshalb müssen wir ein angemessenes Maß an Sicherheit, Compliance und Governance gewährleisten, um die Daten vor Missbrauch zu schützen.

Das zweite Thema, das ich in den Blick nehmen würde, ist die „Standardisierung“ im weitesten Sinn. Ganz offensichtlich reicht es nicht länger aus, dafür zu sorgen, dass die Daten technisch nahtlos zwischen Systemen entlang der gesamten Lieferkette übertragen werden können. Meiner Überzeugung nach werden wir mehr Zeit aufwenden müssen, um ein gemeinsames Verständnis für die quantitativen Schlussfolgerungen und Erkenntnisse zu entwickeln, die wir miteinander teilen können, ausgehend von den Daten, die wir in der Lieferkette bereits austauschen.

Und schließlich erwarte ich, dass vielerlei neue Geschäftsmodelle und Unternehmen entstehen werden, die darauf abzielen, neue, digitale Varianten bestehender analoger Prozesse im Gesundheitssektor und in der Lieferkette zu etablieren. Viele von ihnen werden wahrscheinlich scheitern – doch andere können Erfolg haben. Ich persönlich werde künftig wohl mehr Zeit darauf verwenden, von den Erfolgreichen wie auch den Gescheiterten zu lernen."

Die digitale Transformation und die wachsenden Kundenbedürfnisse prägen die Rolle des Apothekers. Der traditionelle ambulante Grundversorger ist heute auch Gesundheitscoach und „Übersetzer“ medizinischer Inhalte.Ulrich SchaeferApotheker, Geschäftsführer HCI Solutions und Vorstandsmitglied Apothekerverband pharmaSuisse (CH)

Kunden und Patienten gewöhnen sich zunehmend an smarte Produkte. Sie erwarten zudem auch digitalisierte Dienstleistungen und wünschen sich einen einfachen, sicheren Zugang zu ihren Gesundheitsdaten. Als Gesundheitsfachpersonen sind Apotheker gefordert, benutzerfreundliche Lösungen anzubieten und über entsprechende Kompetenzen zu verfügen: Dies in der Apotheke vor Ort sowie jederzeit auch online, click & collect – mobile anywhere. Die Apotheke wird zum POMME, Point of Meeting & Mobility Experience.

pharmaSuisse ermöglicht ihren Mitgliedern besser für digitale Trends und steigende Anforderungen gerüstet zu sein. Im Fokus steht stets die Verbesserung der Lebensqualität des Kunden und Patienten. Apotheker wollen den gewohnt, einfachen Zugang in Gesundheitsfragen auch online sicherstellen. Deshalb treibt pharmaSuisse die nahtlose interprofessionelle Zusammenarbeit vor allem im Medikationsprozess, aber auch darüber hinaus, stetig voran. Apotheker wollen unersetzliche Akteure der koordinierten Grundversorgung auch im digitalen Gesundheitsmarkt bleiben.

Selbstverständlich sind auf dem Weg noch anspruchsvolle Herausforderungen zu meistern, wie die Neudefinition von Wertschöpfung. Der Apotheker von morgen versteht es, im Spannungsfeld zwischen dem regulierten und dem wachsenden kundenzentrierten Gesundheitsmarkt nachhaltig zu agieren."

Im Schweizer Gesundheitswesen werden täglich bereits Tausende von elektronischen Bestellungen für Medikamente oder Medizinprodukte mittels Electronic Data Interchange (EDI) abgewickelt. Dadurch profitieren im Grunde alle Beteiligten, sofern es sich um wirklich durchgängige digitale Prozesse handelt, die den gesamten Bestell- und Logistikprozess umfassen.Erwin ZetzSenior Management Consultant Healthcare, GS1 Consulting, Beratung für Prozessoptimierung im Gesundheitswesen (CH)

Diese Prozesse enthalten neben der klassischen elektronischen Order auch Rückdokumente, wie elektronischer Lieferschein (DESADV), die Identifikation einer Liefereinheit mittels Serial Shipping Container Code (SSCC), sowie eine elektronische Rechnung auf Basis der globalen GS1 Standards. In der Schweiz gibt es jedoch kaum wirklich durchgängige end-to-end Supply Chain Prozesse, die alle oben genannten Dokumente umfassen. Die Serialisierung von Medikamenten bietet nun die Chance, diese Lücken zu füllen und damit nicht nur die Medikamenten Supply Chain sicherer zu machen, sondern auch durchgängig zu digitalisieren.

Pharmaunternehmen müssen bereits heute Seriennummern aggregieren und Liefereinheiten eindeutig identifizieren, um die gesetzlichen Anforderungen z.B. in USA oder der Türkei zu erfüllen. In diesen Märkten ist das sogenannte Track&Trace von Medikamenten gesetzlich vorgeschrieben. Diese Anforderungen können nur mit globalen Standards wie dem GS1 Datamatrix Barcode und den oben genannten GS1 EDI Standards effizient erfüllt werden. Viele Hersteller können Prozesse auf Basis der GS1 Supply Chain Standards grundsätzlich auch in der Schweiz bereitstellen. Sind diese Prozesse einmal implementiert, so können sie auch für die Bestellabwicklung von Medizinprodukten verwendet werden.

Die gesetzlichen Serialisierungsanforderungen zum Schutz der Patienten vor gefälschten Medikamenten in der EU (Falsified Medicines Directive), die in der Schweiz auf bisher freiwilliger Basis umgesetzt werden, bilden eine solide Basis für die weitere Digitalisierung der Supply Chain im Gesundheitswesen. Damit werden z.B. leichtere Rückverfolgbarkeit bis zum Patienten, besseres Forecasting oder effizienterer Wareneingang möglich."